Stadt oder Land?

Ich habe mich gerade über zwei Artikel geärgert. In dem einen ging es um die Vorteile von Stadtkindern gegenüber Landkindern, in dem anderen um die umgekehrte Perspektive.

 

Das Thema beschäftigt uns schon lange. Wir sind auch hin- und hergerissen, was wohl besser für unsere Kinder ist. Aber diese Artikel haben das Landleben ganz schön ins Lächerliche gezogen.

 

Wir leben auf dem Land. Und ja, wir fragen uns auch: Ist das gut für unsere Kinder? Vielleicht.

Wir haben uns bewusst für das Land entschieden. Als ich mit meinem ersten Sohn schwanger war, lebten wir in Frankfurt. Und es gefiel uns gut: Ich konnte meine Kugel über die Straße rollen und Einkaufen gehen, ohne dass mich jemand kennt. Ohne dass jemand sich den Kopf darüber zerbricht, warum ich so früh schon schwanger bin.

Ich konnte anziehen, was ich wollte ohne darüber nachzudenken, ob es den Leuten recht ist. Irgendwie fühlte ich mich freier als auf dem Land.

 

Trotzdem war mir klar: Ich geh mit meinem Kind zurück aufs Land. Ohne Dauerstress, ohne U-Bahn, dahin, wo Omas und Opas in der Nähe sind. Ich bin froh, dass meine Kinder hier groß werden können, wo auch mein Mann und ich aufgewachsen sind. Wir Landeier J

 

Wir kennen jeden unserer Nachbarn, haben tolle Freunde, der Zusammenhalt in unserem kleinen Städtchen ist groß. Jeder kennt irgendwie jeden. Aber hier fängt auch ein Problem an: die soziale Kontrolle auf dem Land ist riesig. Jeder kennt jeden heißt auch: Jeder kriegt alles mit. Und fühlt sich dann berechtigt, alles zu kommentieren. Viele sind mehr mit dem Leben der anderen beschäftigt als mit ihrem eigenen. Es gibt wirklich viel Gerede.

 

Aber eben auch Ruhe. In unserem kleinen Städtchen ist das Tempo nicht einmal halb so schnell wie in Frankfurt. Menschen bummeln hier und hetzen nicht. Für einen Waldspaziergang muss man nur zwei Straßen weit gehen. Und auch die unendlichen Phantasie- und Spielwelten aus Feldern und Wiesen sind nur ein paar Schritte entfernt. Bei jedem Spaziergang begegnen dir Kühe, Schafe, Hühner und Pferde. Tiere gibt es hier nicht nur im Fernsehen.

Das Leben auf dem Land ist ursprünglich. Wir sitzen sozusagen an der Quelle. Hier werden die Lebensmittel für die Supermärkte produziert. Direkt vor unserer Haustür. Dadurch wissen unsere Kinder genau, wo die Milch und die Eier herkommen. Als die Biowelle vor ein paar Jahren um sich griff, haben sich viele auf dem Land gewundert: Frische Eier? Natürlich angebautes Gemüse? Kriege ich doch schon seit Jahren direkt vom Bauernhof. Viele haben sogar ihre eigenen Gemüsebeete oder Obstbäume im Garten. Das alles gibt es auf dem Land. Und dazu noch eine tolle Aussicht.

 

Und trotzdem hat man oft Fernweh. Als ich nur ein Kind hatte, hab ich den Kleinen manchmal einfach ins Auto gepackt und bin nach Frankfurt gefahren. Wenigstens für ein paar Stunden. Manchmal ist es einfach toll, in der Stadt zu sein und ihren Puls zu spüren.

 

Als ich mit den Zwillingen schwanger war, haben wir sogar ein halbes Jahr in Madrid gelebt (wobei ich nur fünf Monate dableiben konnte wegen der riesigen Kugel...). Wir hatten damals eine richtig schöne Zeit. In einer 3 Millionen Stadt! Es war alles so aufregend: die fremde Kultur, die freundlichen Menschen. Es war großartig.

 

Trotzdem haben wir damals schon mit einem Kind gemerkt: es ist anders als auf dem Land, anstrengender. Ich konnte alleine nicht einmal U-Bahn fahren, weil ich den Kinderwagen nicht die 756 Treppen hoch und runtertragen konnte mit Megabauch. Wollte man den Aufzug benutzen, musste man 30 Minuten warten. Wenn er nicht defekt war. So wie der in dem Haus, in dem wir eine Wohnung hatten. Im 7. Stock. Das war auch kein Spaß.

 

Wenn ich also etwas erledigen wollte, muss ich warten, bis mein Mann nach Hause kam. Zum Glück konnten wir die Stadt fußläufig erreichen. Aber sobald wir mal woanders hin wollten, wurde es wieder schwierig.

Nach der Zeit in Madrid war uns klar: wir wollen zurück aufs Land. Wir sind und bleiben Landeier (zumindest erst einmal).  Wir sind happy hier und uns auch sicher, dass wir noch ein bisschen hier bleiben wollen. Uns geht es gut hier.

 

Aber ob das die richtige Entscheidung ist, wissen wir nicht. Das kann man nie wissen. Es gibt eben auch viele Nachteile. Was wenn wir uns beruflich verändern wollen? Dann sind die Möglichkeiten auf dem Land viel geringer. Man muss sich ganz schön einschränken. Und unsere Kinder interessieren sich irgendwann mehr für Einkaufszentren und Diskos als für Wälder und Wiesen. Ob sie in einen paar Jahren noch so glücklich über das Dorfleben sind? Ich weiß es nicht. Auf dem Land kann man nicht jedes Hobby haben, ohne ewig zu fahren. Hier gibt es keine bilingualen Kindergärten und Schulen, keine internationalen Spielgruppen. Das kann einen schon stören. Hier gibt es eben, was es hier gibt. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Wir haben uns bewusst für das Land entschieden. Aber wir können auch jeden verstehen, der die Stadt wählt. Letztlich hängt es doch von den Lebensumständen ab, was besser passt. Was für uns gut ist, ist für andere nicht automatisch richtig.

 

Stadt oder Land? Da gibt es keine klare Antwort! Es gibt unendlich Gründe für beides. Und ein Grund für das eine ist nicht automatisch ein Argument gegen das andere. Jeder sollte für sich entscheiden dürfen. Aber das sollte man anderen auch zugestehen: Dorfkinder sind nicht alle Dorftrottel und Landeier, die nicht wissen, was sie verpassen. Wir leben nicht alle auf dem Bauernhof. Aber genauso wenig belügen sich alle Stadtmenschen selbst und leben nur in der Stadt, um cool zu sein.

 

Wir sollten aufhören unsere eigene Entscheidung aufzuwerten, indem wir die der anderen zerreden. Wir müssen toleranter sein gegenüber alternativen Lebensentwürfen. Das gilt eben auch für die Frage: Stadt oder Land.

 

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