Nationalität Welt

Mein Großer hat kürzlich aufgeschnappt, wie jemand nach seiner Nationalität gefragt wurde. Er fragte mich daraufhin, was er für eine Nationalität habe. „Stopp, Mama, ich weiß schon. Ich glaube, meine Nationalität ist ‚Welt’.“

Oh mein Gott! Ich schmelze dahin. Die beste Antwort, die er hätte geben können. „Genau richtig, mein Schatz! Die Nationalität haben wir alle.“

Denn alle Menschen sind gleich. Oder glaubt irgendwer, dass eine afghanische Mutter ihre Kinder anders liebt als eine deutsche? Haben syrische Kinder andere Schmerzen? Wir alle machen die gleichen Erfahrungen, ganz egal, wo wir herkommen. Wir freuen uns und wir leiden. Wir lachen und wir weinen. Es schmerzt, wenn wir geliebte Menschen verlieren. Wir schweben, wenn wir verliebt sind. Und wir alle blicken mit Sorgen in die Zukunft. Wir alle wollen es gut haben, wir alle haben Angst um unsere Lieben.

 

Und weil wir alle gleich sind, haben wir auch den gleichen Wert. Mein Leid ist nicht mehr wert als deins, meine Freude nicht wichtiger als deine. Das gilt über alle Grenzen hinweg. Wenn Menschen leiden, ist das schrecklich. Wenn Kinder weinen, bleibt die Welt stehen. Egal wo. Können wir von irgendwem verlangen, im Krieg zu leben? Können wir wirklich verlangen, dass Eltern das Leben ihrer Kinder riskieren? Nein, und deshalb sollten wir alle leben dürfen, wo wir wollen. 

Wer nur auf die Unterschiede guckt, wird das niemals verstehen. Deshalb haben wir nicht vor, unseren Kindern zu erklären, wer woher ist. Es ist schlimm genug, was gerade in Deutschland passiert. Ich kann für mich nur sagen, sollte irgendwann eine gewisse Partei hier an die Macht kommen, dann sind wir weg. Wenn man ins europäische Ausland guckt, ist das ja leider nicht mehr undenkbar.

 

Aber die Menschen waren schon immer gut darin, die Unterschiede zu betonen. Früher war es undenkbar, dass Katholiken und Protestanten heiraten. Zwischen manchen Dörfern gibt es richtige Feindschaften. „Wir und die“ war schon immer das Motto der Menschheit. Wann merken wir endlich, dass all diese Grenzen willkürlich sind? Wer Unterschiede finden will, wird sie finden. Aber sind Unterschiede denn wirklich schlimm?

Nein! Aber das lernen wir nur, wenn wir miteinander sprechen. Kommunikation schafft Nähe. Sie zeigt, wie ähnlich wir uns eigentlich sind. Im Gespräch werden Unterschiede klein. Denn sobald „die da“ konkrete Menschen mit eigenen Geschichten, Sorgen und Ängsten werden, sind sie uns gar nicht mehr so fremd.

Dann können wir sie und ihre Sorgen verstehen. Und wen wir verstehen, den können wir nicht hassen, vor dem haben wir keine Angst.

 

Wir haben einen großartigen Kindergarten, der glücklicherweise jeden willkommen heißt. Als vor zwei Jahren eine Menge Flüchtlingskinder dazu kamen, waren diese zunächst noch schüchtern. Sie konnten noch mit niemandem reden, die neue Umgebung war ihnen fremd. Kindern ist es zum Glück noch egal, wo jemand herkommt. Hauptsache er ist da. Sie nahmen die Kleinen einfach an die Hand und spielten mit ihnen. Und deshalb fallen sie heute gar nicht mehr auf. Deutschland ist ihr zu Hause. Sie flitzen mit den anderen Kindern durch die Gegend und sprechen genauso gut Deutsch wie alle anderen. Das ist Integration. Und das klappt nur, wenn wir aufeinander zugehen.

Deshalb möchten wir, dass unsere Kinder früh Englisch sprechen. Denn nur so können sie die Welt verstehen. Englisch ist die Sprache der Nationalität Welt. Weltoffen sein heißt vor allem, der Welt zuzuhören. Ich hätte mir gewünscht, mit Englisch groß zu werden. Also warum sollte ich das meinen Kindern versagen?

 

Im Kindergarten gibt es einmal die Woche Englischunterricht. Dazu versuchen wir, die Kinder so oft wie möglich mit der Sprache in Berührung zu bringen. Viele unserer Freunde sprechen Englisch mit uns, die Kinder schnappen dabei viel auf. Filme und Bücher gibt es bei uns auch auf Englisch. Wahrscheinlich ist das für viele undenkbar oder total übertrieben. Aber das ist mir egal.

Wir wollen weltoffen sein und jeden akzeptieren. Lasst uns auf das schauen, was uns verbindet.  

 

Eure Leo

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Kommentare: 1
  • #1

    Lena (Montag, 23 April 2018 21:39)

    So wunderschön geschrieben !
    Wahre Worte !!!