Überfordert – Was ist schon richtig, was ist schon falsch?

Das Leben kann jeden Moment vorbei sein. Ein Schicksalsschlag kann alles beenden. Krankheiten, Unfälle oder Gewalt können überall auf uns warten.

 

Die Nachrichten sind voll von solchen Schicksalsschlägen, der Tod allgegenwärtig. Im Durchschnitt sterben 10 Menschen pro Tag im Straßenverkehr. Ständig hören wir von Kriegen, Terroranschlägen, Morden. Aber in den Nachrichten sterben immer Fremde. Der Tod Fremder bleibt fern und abstrakt. Deshalb vergessen wir häufig, dass es auch uns und unsere Lieben immer und überall treffen könnte. 

Das ändert sich, wenn ein Mensch in unserer Nähe stirbt. Dann wird der Tod konkret. Er kommt uns nahe. So sehr, dass wir vor Schreck erstarren. Gelähmt werden, unfähig, unseren Alltag zu bestreiten. Bis vor kurzem war ich teilweise nicht mehr in der Lage, lange Auto zu fahren. Jede Strecke über 10 Minuten machte mir Angst. Ich fürchtete, andere könnten einen Fehler machen, ich könnte einen Fehler machen. Menschenmassen machten mir Angst. Ich fühlte mich taub, leer, zerrissen, gelähmt. Ich ging nicht mehr zu Weihnachtsmärkten oder Konzerten. Am liebsten blieb ich zu Hause.

Die Angst kontrolliert mich bis heute. Sie ist niemals ganz gegangen. Aber meine Kinder zwingen mich täglich ins Leben zurück. Ich hatte keine Wahl, als weiter zu machen. Die Zwillinge waren gerade ein paar Monate alt, mein Großer hatte ein paar Tage vor der Katastrophe seinen dritten Geburtstag gefeiert. Für sie musste ich weiter machen. Funktionieren. Einen neuen Alltag finden. 

 

Aber wie sollte ein solcher Alltag aussehen? Ich konnte nicht so weiter machen wie bisher. So viele Dinge wirkten sinnlos, an denen ich mich bisher orientiert hatte. Nichts war mehr selbstverständlich.

 

Ich hatte dem Tod ins Auge geblickt, seinen Schrecken gespürt. Er hat mich überwältigt, überfordert. Alles überschattet. Er war so viel größer als alles andere, so viel mächtiger, so viel realer, unausweichlich. Und deshalb nahm er mir alle Selbstverständlichkeit, stellte alles in Frage. 

Woran sollte ich mich orientieren, wenn alles jederzeit vorbei sein kann? Was gilt? Was kann überhaupt wichtig sein, wenn alles vergeht? Ohne dass ich es bemerkt hatte, sah ich die Welt auf einmal mit anderen Augen. 

 

Mein Alltag hatte sich auch vorher schon häufig verändert. Die Geburt meines ersten Sohnes hatte meine Welt schon einmal um 180 Grad gedreht. Auch damals hat sich vieles auf den Kopf gestellt. 

 

Aber nach der Geburt der Kinder haben mich die Euphorie und das Glück durch die neue Welt getragen. Alles fiel mir leicht, ich blickte zuversichtlich in die Zukunft. Freute mich auf das neue Leben als Mama. Wollte jeden Moment umarmen und von einer Erfahrung zur nächsten springen. Das Leben war leicht.

In dieser neuen Welt waren meine Kinder der Mittelpunkt. Aber ich begeisterte mich auch für viele der anderen schönen Dinge des Alltags. Ich hatte die gleichen Wünsche wie so viele: Schöne Handtaschen, Markenklamotten, teure Schuhe, Autos mit Pferden. Ich wollte nach St. Tropez, Cannes, Hawaii, Florida. All das wollte ich irgendwann einmal haben. All das wollte ich mir/uns ermöglichen. Das Leben war leicht. 

 

Der Tod meiner Schwester hat alles zerstört. Er hat mich gebrochen, mir meine Hoffnung genommen. Jeder Tag war unendlich schwer. Die Angst war überall. Ich hatte ständig Angst, Fehler zu machen. Wusste nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Ich hatte Angst vor dieser Welt, vor einem weiteren Verlust. 

 

Die schönen Dinge des Alltags üben heute nicht mehr dieselbe Faszination auf mich aus. Ich finde sie immer noch schön, aber ich brauche sie nicht mehr. Sie stehen nicht mehr im Fokus. Ich liebe immer noch Mode. Ich mag es, mich schön anzuziehen. Aber es müssen keine Markenklamotten mehr sein und meine Uhr muss nicht mehr kosten als ein Kleinwagen. 

 

Heute ist meine Familie der einzige Mittelpunkt meines Lebens. Ich möchte für meine Kinder da sein. Ihnen das ermöglichen, was sie möchten. Mein einziger Wunsch ist, dass wir alle gesund bleiben und möglichst lange zusammen glücklich leben. Ich sauge jeden Moment mit ihnen regelrecht auf. Ich versuche, alle Erfahrungen mit ihnen festzuhalten. Mein Geld fließt in Fotoalben, Erinnerungen, Familienurlaube und Tagebücher, in denen ich unsere Erlebnisse festhalte. 

Meine Familie gibt mir die Kraft, die neue Welt langsam zu erkunden. Langsam finde ich wieder Dinge, die mir Spaß machen, sinnvoll erscheinen. Nach dem Tod meiner Schwester wollte ich mir zuerst von keinem Psychologen helfen lassen. Ich hatte das Gefühl, dass sowieso niemand verstehen kann, wie ich mich fühle. Ich konnte meinen Schmerz nicht beschreiben, ich habe ihn nicht verstanden. Deshalb habe ich angefangen, psychologische Bücher zu lesen. Zwischenzeitlich habe ich eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin gemacht, um meine Gefühle besser zu verstehen. Langsam kommt etwas Ordnung in die neue Welt. 

 

Diese Ordnung sieht ganz anders aus als die der alten Welt. Meine Prioritäten haben sich komplett verschoben. Vieles erscheint mir heute so unendlich unwichtig, wonach ich früher mein Leben ausrichtete. 

 

Aber das ist meine Entscheidung. Jeder Mensch macht andere Erfahrungen im Leben. Jeder Mensch schaut anders auf die Welt. Ich verurteile niemanden. Auch ich schaue mir auf Insta gerne Bilder von geleckten Interieurs, tollen Häuser, exotischem Essen und Luxusprodukten an. All das sieht immer fantastisch aus! Aber ich habe nicht mehr das Bedürfnis, diese Sachen zu besitzen. Bei mir muss es nicht so aussehen. Bei mir können auch mal die Gardinen acht Wochen nicht hängen. Die Fenster sind länger mal betatscht als bei anderen. Und unseren Tagen fehlt oft Struktur. 

 

Aber das ist ok, solange wir uns damit wohlfühlen. Wichtig ist, dass wir das machen, was sich richtig anfühlt und uns nicht verstellen. Wir sollten uns öfter bewusst machen, dass wir nur einmal leben – und zwar für uns, nicht für andere. Wir machen so viel, weil wir glauben es tun zu müssen, weil andere es von uns erwarten. Warum eigentlich? 

 

Diese Erwartungen bestimmen dann unser Leben. Wir verbringen so viel Zeit auf der Arbeit, um dann Dinge zu kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Wir ordnen unser Leben der Arbeit unter und haben das Gefühl, keine Zeit mehr für unsere Lieben zu haben. Dabei sind unsere Lieben doch das eigentlich Wichtige. 

 

Neulich habe ich folgendes Zitat gelesen. Ich finde so viel Wahrheit darin: 

 

 

“People were created to be loved. Things were created to be used. The reason why the world is in chaos, is because things are being loved and people are being used.”

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Kommentare: 1
  • #1

    Ninanina (Donnerstag, 15 November 2018 22:12)

    Dein Text ging mir ganz schön nah!