Immer noch: All I Want For Christmas Is You

Die Zeit heilt nichts. Wer einen geliebten Menschen verliert, macht nicht einfach weiter wie zuvor. Es stellt dein Leben auf den Kopf, verändert alles, verändert dich. 

 

Wer einen geliebten Menschen verloren hat, der weiß, dass der Schmerz niemals verschwindet. Du lernst irgendwann, mit ihm zu leben. Manchmal wird er für eine Zeit leiser. Aber an vielen Tagen im Jahr wird er wieder unerträglich. 

 

An solchen Tagen kommt alles wieder hoch: Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Leere. Die Vorweihnachtszeit ist voll solcher Tage. Alles dreht sich um die Familie. Alle kommen zusammen. Es ist die eine Zeit im Jahr, in der selbst weit verstreute Familien zusammenfinden, um sich gemeinsam am Tisch zu versammeln. Das gibt Weihnachten seine Magie. 

 

Doch bei uns ist der Platz meiner Schwester seit drei Jahren leer. Seit sie uns genommen wurde, ist Weihnachten nicht mehr das, was es war. Sie fehlt mir so sehr. 

 

Darüber habe ich letztes Jahr einen Text geschrieben. Weil der Text immer noch beschreibt, wie ich mich fühle, reposte ich ihn mit nur kleinen Änderungen. 

ALL I WANT FOR CHRISTMAS IS YOU!

 

Ich würde Weihnachten gerne streichen.

 

In den ersten zwei Jahren nach Deinem Tod hatten wir an Weihnachten weder einen Baum noch Weihnachtsschmuck. Dabei habe ich grundsätzlich nichts gegen Weihnachten, ich bin nicht der Grinch. Du weißt, wie es davor war: Wir hatten das volle Programm: Baum, Deko, Krippe – alles ganz normal. Aber das ging erst einmal nicht. 

 

Ich konnte die Weihnachtszeit kaum ertragen. Sie bleibt für mich emotional eine der schlimmsten Zeiten im Jahr. Weil Du überall fehlst: Mir, den Kinder, uns allen. Ginge es nur nach mir, könnten wir die Weihnachtszeit – und auch das Schmücken – überspringen. 

 

Aber es geht nicht nur nach mir. Da stehen drei kleine, zauberhafte Jungs vor mir, die aus dem Fenster blicken und Ausschau nach dem Weihnachtsmann halten. Das erinnert mich daran, wie magisch die Weihnachtszeit für Kinder ist. Und ich weiß, dass Du nicht gewollt hättest, dass es für meine Jungs diese Magie nicht gibt. 

 

Gerade in diesem Jahr hat die Kleinen das Weihnachtsfieber gepackt: Im Kindergarten wurden die Zwillinge gefragt, was sie sich wünschen. Einer antwortete: „Dass der Weihnachtsmann kommt und ‚Ho, ho, ho’ sagt.“ Der andere erzählt mir jedes Mal, wenn er sein Zimmer aufräumt: „Jetzt guckt der Weihnachtsmann und sagt: Ho, ho, ho, der Junge hat aber gut aufgeräumt“. 

 

Zu Nikolaus haben die drei ihre Stiefel vor die Tür gestellt. Wir haben Plätzchen gebacken und Milch dazugestellt. Am nächsten Morgen liefen die Kleinen sofort zur Tür. Sie freuten sich so sehr über die Geschenke in ihren Stiefeln. Aber sie waren noch mehr davon fasziniert, dass der Nikolaus offenbar keine Lust auf die Milch hatte: die Kekse waren zwar weg, aber das Glas noch voll. Als wir sie später in den Kindergarten brachten, erzählte einer der Zwillinge den Erziehern: „Heute war der Nikolaus da. Aber er hat nur die Kekse gegessen, die Milch hat er stehen gelassen.“ Dabei hatte er diesen Glanz in den Augen, der das Elternsein unbezahlbar macht. 

Es tut so weh, Dir das alles nicht sagen zu können. Mein Herz krampft, wenn ich daran denke, dass die Kleinen solche Momente nicht mehr mit Dir teilen können. Ich stelle mir so oft vor, wie Du dich darüber gefreut hättest. Ich weiß, wie viel es Dir bedeutet hätte. Und dann ist der Schmerz so stark, dass ich fast daran zerbreche. 

 

Gleichzeitig erinnert mich der Glanz in den Augen der Kleinen daran, wie sehr wir Weihnachten geliebt haben. Ich erinnere mich daran, wie ich mit Dir damals am Fenster stand, um nach dem Weihnachtsmann zu sehen. Genau wie es heute meine Jungs tun. Und ich erinnere mich daran, wie es für uns mit jedem Jahr schöner wurde, anderen etwas zu schenken. Welche Freude wir hatten, wenn wir gesehen haben, dass wir mit unseren Geschenken richtig lagen. Vor allem die strahlenden Augen der Kleinen waren für uns das Größte.

 

Wir haben all das zusammen erlebt. Die guten und die schlechten Zeiten. Wir waren füreinander da. Wenn wir uns gefreut haben, haben wir uns zusammen gefreut. Dadurch wurden die schönen Momente so viel schöner. Hatte eine von uns Probleme, haben wir sie geteilt. Es gab nicht Deine oder meine Probleme. Sie waren unsere Probleme. Dadurch wurden sie nur halb so groß.

 

Gerade jetzt bräuchte ich Dich so sehr. Aber Du bist nicht da. Du hättest an Weihnachten unseren Raum mit so viel Liebe gefüllt, mit so viel Humor. Du hättest meine Kinder so glücklich gemacht und ihnen so viel Mist beigebracht, über den ich mich aufgeregt hätte. Du hättest sie mit Deiner Liebe überschüttet, genau wie Du uns überschüttet hast.

 

Doch auch wenn das alles so unglaublich weh tut, müssen wir einen Weg finden, Weihnachten mit all der Freude und all dem Leid zu feiern. Mit all den schönen und all den traurigen Erinnerungen. Das bin ich den Kleinen und Dir schuldig.

Aber immer noch überwiegt der Schmerz. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Es ist ein bisschen so, als müsste man wieder laufen lernen: Man muss ein Schritt nach dem anderen machen. Der Weihnachtsbaum, die Krippe und der Schmuck sind erste zaghafte Schritte. Die Kinder und ich haben die Wohnung gemeinsam geschmückt. Es hat so viel Freude gemacht, sie dabei zu beobachten. Und wir haben Dich integriert: In unserem Weihnachtsbaum hängt ein Bild von Dir. Neben der Krippe steht Dein Bild. 

 

Ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Für viele ist die Weihnachtszeit genauso schwer, weil jemand am Tisch fehlt. Vielleicht zum ersten Mal, vielleicht schon länger. Ich möchte allen unglaublich viel Kraft und schöne Erinnerungen wünschen. 

 

Weihnachten wäre so schön, wärst du noch da. Ich liebe Dich.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Jennifer (Sonntag, 23 Dezember 2018 13:54)

    Es ist so wunderschön geschrieben ❤️ Mir laufen die Tränen, obwohl ich sie nur als Kollegin kannte... Sie wird stolz auf dich sein. Dir und deiner Familie wünsche ich trotz des Schmerzes ein paar Momente des Lächelns. Du machst das wunderbar für deine Kinder ❤️ mit so viel Liebe und Erinnerung an deine Schwester... Danke dafür.
    Jennifer de Luca mit den Zwillingen Lina & Lotta